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Baltisches Bier in Frankfurt: 28 Mal in sechs Jahren

Sep 15
8 min read

Zwei Põhjala-Flaschen, eine Dose von Ārpus Brewing und Cambas Spirit of Tallinn Baltic Porter auf dem Tresen im TapHouse Frankfurt.
Drei davon haben Tallinn oder Lettland hinter sich. Die vierte ist in Bayern gebraut und heißt trotzdem nach Tallinn.

Wer in Deutschland nach baltischem Bier sucht, landet im Versandhandel.


Probier es mal: Die Treffer sind Onlineshops. Kisten, Versandkosten, zwei Tage warten. Eine Kneipe, in der das Zeug aus dem Hahn kommt, ist nicht dabei. Dabei steht bei uns seit fast sechs Jahren regelmäßig genau dieses Bier auf der Karte, und wir haben erst neulich mal nachgezählt, wie oft.


Meistens passiert es in der dritten Runde. Jemand hat sich durch die dunkle Ecke der Karte gearbeitet, ein zweites bestellt, und will jetzt wissen, was passiert, wenn er weitergeht. Dann kommt das estnische Bier. Nicht als erstes Glas und nicht als zweites, dafür ist es viel zu groß. Es kommt, wenn sich jemand für diese Richtung schon entschieden hat und wissen will, wie weit sie führt.


Ein paar überspringen das komplett. Die kommen rein, kennen den Namen, finden das Põhjala im Regal, bevor sie die Jacke ausgezogen haben, und bestellen ohne eine einzige Rückfrage. Das sind nicht viele, und die machen dem Tresen den Abend.


Was sechs Jahre Karten hergeben


Jedes Bier, das seit Oktober 2020 bei uns dran war, steht im Untappd-Verlauf: was es war, wann es kam, ob Fass oder Dose. Kein Gedächtnis, eine Liste. Wir haben die baltischen Einträge rausgezogen.


28 Listungen. 19 vom Fass, 9 in Flasche oder Dose. 13 verschiedene Biere.


23 der 28 sind Põhjala aus Tallinn, davon 18 vom Fass. Die allererste Zeile im gesamten Verlauf, 12. Oktober 2020, der Tag, an dem die Aufzeichnung beginnt, ist ein Põhjala Öö. Der letzte Eintrag war dieses Jahr im Mai. Ein estnischer Imperial Porter klammert die komplette Geschichte dieser Zapfanlage ein, und gemerkt hat das hier niemand, bis wir nachgesehen haben.


Damit ist auch die ehrliche Variante gesagt: Es steht nicht dauernd eins da. 28 Mal in sechs Jahren heißt ungefähr eins zur Zeit, das kommt, leer wird und wiederkommt. Wer behauptet, seine Bar führe baltisches Craft Beer dauerhaft, beschreibt einen Laden, keine Zapfanlage.

Der Rest der Zählung ist dünner und interessanter. Pühaste, auch aus Estland, war einmal dran. Ārpus aus Lettland taucht vier Mal auf, und alle vier Mal war es eine Dose. Nie ein Fass. Sechs Jahre lang nicht.


Bis jetzt.


Warum das lettische Fass sechs Jahre gebraucht hat


An Hahn 20 läuft gerade Ārpus TDH Hand-Selected Riwaka DIPA mit 8 %. Das erste Ārpus-Fass, das diese Bar je hatte.


Schild an der Zapfwand auf Position 20: Ārpus Brewing, Hand-Selected Riwaka, Hazy Double IPA (TDH), 8,0 %, daneben die mit Kreide geschriebene 20.
Hahn 20. Das erste Ārpus-Fass, das diese Bar je hatte. Die vier davor kamen alle in der Dose.

Das lag nicht an der Mode und nicht an Unachtsamkeit. Ārpus gehört zu den angesehensten Hazy-IPA-Brauereien Europas, und wir wollten sie seit Jahren auf einer Leitung haben. Zwei Dinge entscheiden das: ob überhaupt ein Fass zu bekommen ist, und was es kostet, bis es in Frankfurt steht.


Ādaži, wo Ārpus braut, liegt Luftlinie rund 1.286 Kilometer von hier. Tallinn rund 1.455. Bier ist schwer, es reist gekühlt, und was eine kleine Brauerei nach Deutschland abgibt, ist nie viel. Bis so ein Fass in einem Frankfurter Keller steht, hat es deutlich mehr gekostet als die gleiche Menge von nebenan, und das steht dann auf der Karte. Der Ārpus ist die teuerste Leitung, die wir zapfen. Er läuft trotzdem, weil es nach vier Dosen irgendwann Zeit war und weil das Bier die Diskussion wert ist.


Deshalb ist baltisches Bier in dieser Stadt selten. Nicht weil es keiner will. Weil die Strecke

echt ist und jemand sie bezahlen muss.


Ein Bier, benannt nach einem Ort, aus dem es nicht kommt


In dieser Geschichte steht noch eine fünfte Dose, und die erklärt die Sache besser als wir.

Camba Brewmaster Edition Nr. 95, Spirit of Tallinn. Ein Baltic Porter mit 8,8 %. Camba ist unsere Hausbrauerei. Sie sitzt in Seeon-Seebruck in Bayern, 363 Kilometer von Frankfurt, viermal näher als Tallinn. Und sie hat einen Baltic Porter gebraut und ihn nach der Stadt benannt, in der Põhjala braut.


Ein Baltic Porter ist ein starkes dunkles Bier aus den Ländern rund um die Ostsee, gebraut wie ein Lager und nicht wie ein Ale. Deshalb schmeckt er runder, als 8,8 % vermuten lassen.

Der Stil selbst ist eine Geschichte über Entfernung. Porter war ein Londoner Bier. Im 18. und 19. Jahrhundert verschifften Brauer es in die Ostseehäfen und brauten es stark genug, damit es die Fahrt übersteht. Irgendwann fingen die Brauereien rund um die Ostsee an, es selbst zu machen: kälter vergoren, mit untergäriger Hefe, noch stärker. Aus einem Londoner Bier wurde ein baltisches, weil man es verschickt hat.


Kommt bekannt vor? Sollte es. Die Engländer machten zur selben Zeit dasselbe in die andere Richtung und bauten ein Pale Ale, das bis Madras und Kalkutta durchhielt. Wir nennen es bis heute India Pale Ale. Zwei der bekanntesten Bierstile der Welt sind nach einem Ziel benannt und nicht nach einer Brauerei, und erfunden wurde keiner von beiden dort, wo er heute draufsteht. (Wo die übrigen Namen herkommen, steht in was Biernamen eigentlich bedeuten.)

Stell den Spirit of Tallinn neben das Põhjala Must Kuld ins selbe Regal, und die Rechnung steht in zwei Dosen. Gleiche Bierfamilie. Eine hat 363 Kilometer hinter sich, die andere 1.455.


Zwei Dosen nebeneinander auf dem Holztresen: Põhjala Must Kuld Porter und Camba Spirit of Tallinn Baltic Porter mit 8,8 %.
Links: gebraut in Tallinn, rund 1.455 Kilometer entfernt. Rechts: gebraut 363 Kilometer entfernt in Bayern, benannt nach Tallinn.

Was du dazu trinkst, und was fast alle falsch machen


Frag nach der Bittere, nicht nach den Buchstaben auf dem Schild.


Überall steht, ein IPA schneide durchs Curry. Es macht das Gegenteil. Bittere und Schärfe verstärken sich gegenseitig, ein richtig bitteres Bier lässt ein scharfes Gericht also schärfer schmecken. Nur ist Bittere nicht dasselbe wie Hopfen, und „IPA“ auf dem Schild sagt darüber ziemlich wenig aus. Ein West Coast IPA legt sich mit deinem Essen an. Ein Hazy, gebraut auf Aroma statt auf Biss, kommt weich und fast süß rüber und benimmt sich eher wie ein Weizen. Der Ārpus ist ein Hazy. Er hat 8 % und ist gewaltig, aber bitter ist er nicht, und neben der Küche setzt er dir nichts in Brand.


Grüne Karte auf einem Holzklemmbrett: Hand-Selected Riwaka, Hazy Double IPA, Arpus Brewing, Hahn 20, ABV 8,0 %.
Entscheidend ist hier das Wort Hazy, nicht IPA. Hazys sind auf Aroma gebraut, nicht auf Bittere.

Die Zahl, die es dir verrät, ist der IBU-Wert, und auf unserer Live-Karte steht er direkt neben dem Alkoholgehalt. Was der mit den Etiketten macht: Ein Camba Pils hat 35 IBU, Sierra Nevadas Hazy Little Thing auch 35, und Cambas Chiemsee Black, das dunkelste Bier an der Wand, hat 17. Frag nach dem IBU, dann sind die drei Buchstaben egal.

Aufpassen musst du bei einem Bier dieser Größe auf die andere Regel: Intensität zu Intensität. Ein 8-prozentiges Double IPA begräbt alles Feine, und ein starkes, süßes Bier ermüdet den Gaumen lange bevor ein Essen nach neunzig Minuten durch ist. Trink den Ārpus früh oder für sich, und lass ihn das sein, was er ist.


Põhjala Must Kuld mit 7,8 % ist das Bier zum Essen. Malzbetont, röstig, wenig Bittere, genau das Profil, das mit Schärfe zurechtkommt statt sich mit ihr anzulegen.


Pime Öö mit 13,6 % und der Cellar Series Coffee Culture mit 15,5 % sind etwas völlig anderes. Die gehören ans Ende, und sie gehören zum Nachtisch, und da hört die Theorie auf. Röstiges Bier zu Schokolade und Kaffee ist so verlässlich, wie Kombinieren überhaupt wird, und beide Desserts bei uns sind dafür gebaut. Das Biramisu ist ein Tiramisu, das wir mit dunklem Bier ansetzen, du stellst also Kakao und Kaffee neben Kakao und Kaffee. Der Beer Brownie ist ein hausgemachter Bier-Schokoladen-Brownie mit Vanilleeis, und ein Löffel davon gegen einen Schluck Imperial Coffee Stout ist die einfachste Empfehlung im ganzen Haus.


Ein Glas Biramisu mit Kakao, einer Himbeere und einem Minzblatt auf einem Holztablett mit Löffel, dahinter ein TapHouse-Tulpenglas mit dunklem Bier.
Das Biramisu setzen wir mit dunklem Bier an. Das Glas dahinter ist also kein Zufall.

Das Regal ist keine zweite Zapfliste


Ein Drittel dieser baltischen Zählung kam nie in die Nähe eines Hahns, und jedes Ārpus vor diesem Fass kam in der Dose. Das ist kein Trostpreis. So reist gutes Bier nun mal.

Manche Biere sind aus Prinzip Flaschenbiere. Ein Cantillon Classic Gueuze wird aus Lambic verschnitten, das drei Jahre im Holz lag. Ein Rochefort 10 verändert sich in der Flasche noch ein Jahrzehnt lang. So etwas hängt niemand an eine Leitung, die in Bewegung bleiben muss. Zwanzig Hähne rotieren. Rund 130 Flaschen und Dosen dürfen stehen bleiben und auf den Richtigen warten.


Deshalb steht im Regal, was an der Wand nicht geht. Achtzehn Sours. Neun Trappisten und Belgier. Fünf Weizen, fünf glutenfreie, vier Cider. Eine Abteilung Dark und Stout mit vierzehn Einträgen, in der alle drei Põhjala neben einem Samuel Smith Chocolate Stout stehen.


Dazu vierzehn alkoholfreie, und das ist die Zahl, die hängen bleiben sollte. In sechs Jahren stand bei uns kein einziges Mal ein alkoholfreies Bier an einem Hahn. Wer heute Abend fährt, bekommt im Regal nicht den Kompromiss, sondern das ganze Angebot.


Beim Essen gilt dasselbe. Dunkle Biere, Weizen und Belgier kommen mit Schärfe zurecht, und an einem beliebigen Abend hat die Wand vielleicht nicht den, den dein Gericht braucht. Frag nach dem Regal.


Mitnehmen


Jede Flasche und jede Dose auf der Karte gibt es zum vergünstigten Preis zum Mitnehmen, ohne Mindestmenge und ohne Kiste. Wer den Tallinn-Vergleich ordentlich machen will, den estnischen Porter neben den bayerischen, der nach Estland heißt: Das ist am eigenen Tisch das bessere Experiment als bei uns.


Die Zapfliste ändert sich ständig, aktuell steht sie immer auf menu.taphousefrankfurt.com. Wenn das Ārpus-Fass leer ist, kommt nicht in derselben Woche das nächste lettische nach. Aber irgendwas aus Tallinn kommt wieder, das war in sechs Jahren immer so.


FAQ


Wo gibt es in Frankfurt baltisches Bier?


Im TapHouse Frankfurt, Mendelssohnstraße 51 im Westend. Seit Oktober 2020 standen dort 28 Mal Biere baltischer Brauereien auf der Karte: Põhjala aus Tallinn, Ārpus aus Lettland und Pühaste aus Estland, davon 19 vom Fass und 9 in Flasche oder Dose. Es rotiert, es steht nicht dauerhaft da, deshalb lohnt der Blick auf die aktuelle Karte unter menu.taphousefrankfurt.com.


Gibt es gerade lettisches Bier vom Fass in Frankfurt?


Ja. Ārpus Brewing Co. aus Ādaži in Lettland läuft an Hahn 20 im TapHouse Frankfurt, ein TDH Hand-Selected Riwaka DIPA mit 8 %. Es ist das erste Ārpus-Fass in sechs Jahren. Und falls es leer ist, wenn du kommst: Dasselbe Bier steht in der 440-ml-Dose im Regal, zum Hiertrinken oder zum Mitnehmen.


Warum ist baltisches Bier in Deutschland so schwer zu bekommen?


Entfernung und Kontingente. Tallinn liegt Luftlinie rund 1.455 Kilometer von Frankfurt, Ādaži rund 1.286. Bier ist schwer und reist gekühlt, und kleine baltische Brauereien geben nur begrenzte Mengen nach Deutschland ab. Ein Fass von dort kostet deshalb deutlich mehr, bis es in einem Frankfurter Keller steht, als eins von ein paar hundert Kilometern weiter.


Was ist ein Baltic Porter?


Ein starkes dunkles Bier aus den Ländern rund um die Ostsee, meist mit untergäriger Hefe vergoren. Angefangen hat es als Londoner Porter, das im 18. und 19. Jahrhundert in die Ostseehäfen verschifft und stark genug gebraut wurde, um die Fahrt zu überstehen, und das die Brauereien vor Ort dann selbst übernahmen: kälter, stärker. Wie das India Pale Ale ist der Stil nach dem Ziel benannt, nicht nach dem Herkunftsort. Im TapHouse steht aktuell Cambas Spirit of Tallinn, ein Baltic Porter mit 8,8 %, neben den estnischen Portern von Põhjala.


Passt ein IPA zu indischem Essen?


Das hängt an der Bittere, nicht am Namen. Bittere und Schärfe verstärken sich gegenseitig, ein deutlich bitteres Bier wie ein West Coast IPA lässt ein scharfes Gericht also schärfer schmecken. Ein Hazy IPA ist auf Aroma gebraut statt auf Biss, kommt viel weicher rüber und macht dieses Problem nicht. Die Frage am Tresen lautet sinnvollerweise, wie bitter ein Bier ist, und nicht, welche drei Buchstaben draufstehen. Zu einem scharfen Gericht ist ein malzbetonter Porter wie das Põhjala Must Kuld die sichere Antwort.


Welches Bier passt zum Nachtisch?


Röstiges dunkles Bier zu Schokolade oder Kaffee ist eine der verlässlichsten Kombinationen überhaupt. Beide Desserts im TapHouse sind mit Bier gemacht: Das Biramisu ist ein Tiramisu auf Basis von dunklem Bier, der Beer Brownie ein hausgemachter Bier-Schokoladen-Brownie mit Vanilleeis. Ein Imperial Porter oder Coffee Stout wie Põhjala Pime Öö oder die Cellar Series Coffee Culture passt zu beidem.


Kann ich die Flaschen mitnehmen?


Ja. Jede Flasche und jede Dose der TapHouse-Karte gibt es zum vergünstigten Preis zum Mitnehmen, ohne Mindestmenge und ohne Kiste, solange die Bar geöffnet hat.

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